Katzenzuchtsucht
Wir machen blau
Und zwar Russisch-Blau. Eine der schönsten und cleversten Katzenrassen hat bei uns Einzug gehalten. Doch damit nicht genug, denn wir vervielfachen den Spaß der Katzenhaltung auch noch und sind auf Bornholm Züchter dieser faszinierenden Rassekatzen geworden.
In einem früheren Leben, existierte ich fernab in einer deutschen Großstadt, wo Bornholm allenfalls Namensgeber einer Straße ist und mir als lebenswerte Insel noch gänzlich unbekannt war. In einer Zeit als ich selbst noch infantiler und unfreiwilliger Katzenhalter dank Elterngaden war. Zu jener Zeit muss sich meine Begeisterung für die Rasse Russisch-blau entwickelt haben.
Eine Leidenschaft der ich halbwegs treu geblieben bin und sie über Jahre vor mir hergetragen habe. Ähnlich wie die Aussage: „Wenn ich einmal groß bin…“, so musste das „Wenn ich einmal inmitten der Natur lebe“ als universelle Ausrede, denn als Entschuldigung, herhalten. Es gab lediglich einmal ein kurzes Gastspiel – bis zum Ende einer Beziehung bei der unsere damalige Russisch-Blau zum aufzuteilenden Bestandteil der felinen Zugewinngemeinschaft wurde – als ich mit einer solchen Bett und Napf teilte.
Doch seit ein paar Jahren bin ich nun befreit von der Weitläufigkeit der Großstadt und vom Aussiedler zum Einsiedler geworden. Katzen gibt es hier wie vom Fließband und so sehen sie auch aus, mehrheitlich weiß und schwarz (beide Farben auf einem Tier) oder in dezentem grau gehalten. Wo es so viele Ratten und Mäuse gibt wie auf Bornholm, ist deren schiere Anzahl auch keine Überraschung.
Als Neu-Bornholmer hatten wir noch unsere teutonische Hauskatze dabei. Seitdem jene das Leben in der freien Natur kennenlernen durfte, mutierte sie zur zähen Waldküre um fortan mit Haut und – sehr dichten – Haaren, als greise Kätzin den Verlockungen der baltischen Natur zu erliegen. Und dann ist da noch die einheimische Kätzin, die uns vom vorherigen Bewohner überlassen wurde. Sie kennt unser Haus von innen und außen schon länger und wahrscheinlich besser als wir selbst. Eingeschüchtert von so viel Erfahrung und ihrem Heißhunger, wurde sie von uns zur Abschreckung und Abwehr rattiger Plagegeister eingeteilt. Doch diesen Auftrag hat sie gründlich missverstanden, denn ihr Arbeitseifer konzentriert sich nicht nur auf brütende und heranwachsende Vögel aus der Hecke von nebenan. Sie steht auch in dringendem Verdacht im letzten Winter einen ausgewachsenen, womöglich suizidalen Feldhasen erlegt und enthauptet zu haben, um selbigen danach vor unserer Haustür zu drapieren.

Wie blau können Russen sein?
Doch zurück zu meiner Leidenschaft: Eine Katzenrasse, die ihren Farbschlag und dessen geographische Herkunft eines derzeit geächteten Landes im Namen trägt. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, kommt in den Genuss einer ganz besonderen Rasse. Nicht nur dass es sich um äußerst elegante, grazile Tiere in gut proportionierter Schoßstreichelgröße handelt, die das auch ausdauernd in Anspruch nehmen. Noch dazu sind sie smarte, talentierte Hochspringer, die schnell gelernt haben, wie man Türklinken öffnet. Und sie suchen sich oft unter den Menschen eine exklusive Bezugsperson aus, denen ihre ganze Loyalität gilt. So sei nur noch das besondere – kurze – Fell zu erwähnen, dass es vielen Katzenallergikern ermöglicht, doch noch eine Katze zu halten.

Zarin Katjuscha II.
Unsere Adlige Vertreterin, Katjuscha II., trat vor einigen Jahren in mein Bornholmer Leben und war ihrer ganz eigenen Herkunft nach, genauso Hauptstädterin wie wir. So etwas verbindet, aber da war noch mehr beim gegenseitigen Beschnuppern: es war Liebe, Zuneigung oder Sonstetwas auf den ersten Blick, deren geballte Leidenschaft in einem einzigen feucht-rauhen Schleck ihrer Zunge über meine Hand alles sagte, was zwischen uns zu klären gewesen wäre.

Wenige Wochen und eine – in Katzendimensionen gemessen – kleine Weltreise später, war die Familie auf Bornholm mit dem neuen Haustier endgültig vereint. Seitdem war sie ständige Begleiterin, ausdauernde Kuschelbeauftragte, Sofapolster-Testerin, Materialprüferin für Kratzresistentes und mir unheimliche Verwandlerin von Trockenfleischmix in gemeingefährlich Klumpgestreutes.
Keine Frage also, dass ihre Premium-DNS an die Nachwelt weitergegeben werden muss. Tiefe Abneigung gegen jeden e.V., die seine Existenzberechtigung im Diktieren von Standards der animalischen Vermehrung sieht und sich gerne dazu berufen fühlt, um über andere (Katzen!) zu urteilen und das dringende Bedürfnis, es anders zu machen, waren ein starker Antrieb bei der Suche nach einem männlichen Gegenstück. Mangels Möglichkeiten auf Bornholm und in ganz Dänemark, fand sich erst in Deutschland ein Prachtkerl, der von edlem Geblüt war und ganz artgerecht ohne ernsthafte Absichten zur Verfügung stand. Noch am Erfolg dieser Zuführung zweifelnd, sollten sich die folgenden Tage dahinziehen, ohne dass wir klare Anzeichen einer erfolgreichen Gen-Neukombination erkennen konnten.
Doch irgendwann verblüffte uns nicht nur der unstillbare Appetit des handlichen Kätzchens, sondern auch dessen Silhouette, wenn es nun nicht mehr forellengleich, sondern eher mit der Eleganz einer Planierraupe zwischen unseren Beinen dahinwuselte. Sie selbst schien von der Situation auch überfordert und schätzte die eigene Leistungsfähigkeit immer wieder mal falsch ein. Von Haus aus mit ausgeprägter Sprungkraft versehen, verhinderte der neue Körperschwerpunkt, das Erreichen vertrauter Höhen und die Schwangere musste bereits im gebremsten Abheben erkennen, dass das anvisierte Ziel nicht zu erreichen ist. Die Enttäuschung und Verwunderung darüber war in der Katzenmimik deutlich zu erkennen.

Katze in Pension
Mittlerweile haben dieser erste Wurf, und weitere die folgten, ihren Beitrag zur Arterhaltung geleistet und ihr Erbmaterial quer durch Skandinavien bis Mitteleuropa verteilt und dabei hoffentlich ähnlich viel Faszination, in Zeiten des Kraulens und Schmachtens, sowie Verzweiflung über Heißhungerattacken, Jagdlust und Rolligkeit verursacht.
Für uns ist damit ein nie definiertes Ziel erreicht, diese Ära zu beenden um damit deren Exklusivität zu bewahren: die Zarin übergibt die innerkörperliche Reproduktionsanlage in die Hände der veterinären Fachkraft um sich zukünftig nur noch sich selbst und gerne auch mir und den anderen Bewohnern des Hauses zu widmen.
Das dänische Sprachgegurgel ergeht sich statt in Kastration/Sterilisation dann viel lieber in „Neutralisering“. Vermutlich ungewollt und trotzdem doch so viel präziser als auf den ersten Blick offenbar, ergibt sich ein Ausblick auf die kätzische Biologie, wenn nach intervalltem Arterhaltungsgewerkel – Würfe produzieren, säugen, beschützen, erziehen – sie endlich in diese wunderbar lässige Lebensphase katapultiert wird.
Wie eine einst geschätzte Zuchtkatze, die nun fein säuberlich neutralisiert daliegt: Der hormongequirlte Balzzirkus ist endgültig abgepfiffen, keine läufigen Dramen mehr, kein nächtliches Reviergejaule um die eigene Fortpflanzungsfabrik. Stattdessen nur noch sofaigste Muße, sonnenfleckige Trägheit, kürzeste Schritte und das tief zynische Schnurren der Erleichterung den Ruf der Natur nun endgültig ignorieren zu können.
Anstelle der Schaffensschwebe, nur noch ausgehöhlte Deckenberge, wurfverbrauchte Gelassenheit und das luxuriös neutrale Gefühl, endlich hormonell entthront und wunderbar nutzlos zu sein.
Skål, der eleganten, nachwuchsabgedienten Zuchtkönigin. Ab jetzt wird richtig gehygget – ganz ohne ein Aufkommen an Nachkommen.